Erinnerungen der Dorfkrankenschwester Pauline

„Vom alten Burgberg“

 

 

Vom alten Burgberg soll ich schreiben – was soll ich schreiben? Es hat einmal jemand gesagt, was man spricht, soll man überdenken und was man schreibt zweimal.
Das heutige Burgberg macht jetzt ein anderes Gesicht als vor 60, 70 oder gar 100 Jahren. Die Häuser waren früher alle mit Stroh oder Schindeln gedeckt, die Stuben hatten kleine Schieb­fensterchen, die Schlafkammern meistens nur Läden. Die Einwohner waren zum grössten Teil arme Taglöhner, zu den Vermöglichen gehörte der Hutzelbauer und die drei Müller am Glas­bach. Die untere Mühle galt sogar für sehr reich, weil sie viel Wald besass und aus dem da­maligen Besitztum sind jetzt mit der Zeit vier Höfe entstanden. Die Erben haben anno ´70 einen der ältesten Wälder an einen Franzosen verkauft. Inzwischen kam der siebziger Krieg und das Holzfällen musste eingestellt werden. Während des Krieges ist dann viel Holz ge­stohlen worden. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie meine Mutter oft nach Mitter­nacht Ausschau gehalten hat und zu uns Kindern sagte: “Jetzt geht wieder ein schwer belade­ner Holländerwagen den Weg obenrüber, dem Franzosen wird sein Holz alles gestohlen.“ Nach Kriegsschluss kam der Franzose und war hocherfreut, dass ihm nicht alles gestohlen worden war. Der ganze Wald wurde nun abgeholzt und die Hallerischen Erben verkauften den Grund und Boden an die badische Herrschaft. Der Glaswald unten am Hutzelberg gehörte auch der Mühle, und der jüngste Sohn bekam ihn samt dem neuen Haus, das sie für ihn bau­ten.(Der war der erste Neuhusbur). Auch der Glaswald wurde anno ´76 abgeholzt und der Bo­den an die Herrschaft verkauft. Auch der junge Wald in der Neuwelt ging denselben Weg und verschwand, wie alles andere hinter der Krawatte des Besitzers. Die anderen Erben sind fast förmlich verarmt. Der schöne grosse Hutzelhof wurde abgebrochen und verstückelt anfangs der 70er Jahre.

Meine Grosseltern erzählten oft von jener grossen Hungersnot, die anno ´16 im ganzen badi­schen und württembergischen Land geherrscht hat. Und viele Menschen hatte der Hungerty­phus hinweggerafft. Es sind ganze Dörfer ausgestorben. Mein Grossvater war in der Säge­mühle daheim und oft hat er erzählt, wie die Leute die unglaublichsten Dinge in die Mühle gebracht haben zum Mahlen, es wurden allerlei Unkrautwurzeln aus dem Boden gegraben und zu Brotmehl verwendet. Gegen diese Hungerjahre war unsere Inflation noch eine Kleinigkeit. Alles, was in Burgberg diese Zeit überlebte, war verarmt und die, welche noch etwas ihr eigen nannten, sind bestohlen worden, es hat sich ein ganzes Bettelchor in Burgberg ansässig ge­macht und hat sein finsteres Gewerbe des Nachts betrieben. Man sieht jetzt noch die Ruinen vom Bettelhäuschen am Berg über den Nonnenmühle. Die Gemeinde hat anno ´48 das Geld zusammengelegt und die ganze Gesellschaft nach Amerika geliefert.

 

In den vierziger Jahren hielt die Uhrenindustrie und die Korbflechterei ihren Einzug im Schwarzwald und damit kam auch etwas Verdienst in unser Dorf. Die Kinder, die noch nicht schulpflichtig waren, lernten schon flechten. Ich selbst habe schon mit 4 Jahren ganz brauch­bare Geflechte gemacht. In den 70er Jahren hat dann die Hausuhrmacherei ihren Höhepunkt erreicht. Fast in jedem Haus war ein Uhrmacher. In St.Georgen waren schon Fabriken, die die Gestelle und das Material lieferten und die fertigen Uhren wieder in Empfang nahmen. Obleich der Verdienst nicht sehr gross war, hätte es doch besser gereicht, wenn der ganze Ver­dienst in den Haushalt gekommen wäre und nicht ein grosser Teil in Branntwein umge­setzt worden wäre. Man hat ja damals noch nichts gewusst von Most und Beerenwein und jeder grössere Hof hat seine eigene Brennerei gehabt. Die Dienstboten haben ihren Schnaps mit ins Feld bekommen und selbst den Kindern hat man ein wenig auf ihr trockenes Brot ge­schüttet. Und somit wurde der Schnaps das Gewohnheitsgetränk des Schwarzwaldes. Viel Unheil hat dieses Teufelsgetränk angerichtet und es ist gut, dass es jetzt fast nicht mehr zu bekommen ist.


In meiner Kindheit war man noch sehr genügsam. Man hat sein Stück Brot ohne jeden Auf­strich verzehrt, denn vom Einkochen wusste man noch nichts und Zucker hat man kaum ein wenig in den Kaffee bekommen, und das nur an Festtagen. Die Kinder sind vom April bis Oktober barfuss gelaufen, das Schulkleid war zugleich das Sonntagskleid. Zu Weihnachten gab es keine teuren Spielsachen, ein sehr nötiges Kleidungsstück und einen Vogelwecken mit ein paar Äpfeln und ein paar Nüsse, wenn sie nicht teuer waren. Sie wurden meistens von den Paten gestiftet. Über Weihnachten und Neujahr gingen die armen Kinder und manchmal auch Erwachsene durch die Dörfer und sangen ihre Weihnachts- und Neujahrslieder vor den Türen und zogen so ihre Almosen ein. Hauptsächlich von den katholischen Dörfern wurde man da­mals mit Bettelvolk überlaufen. In den Mühlen brauchten sie oft über solche Zeiten täglich einen Laib Brot. Damals hätte man Winterhilfe viel nötiger gehabt als heute, wo jedes verdie­nen kann.

 

Wenn ich mich zurückversetze in meine Kindheit, so war sie trotz aller Einschränkungen eine schöne Zeit. Wie war man heiter und vergnügt und wieviel ist damals gesungen worden bei den Stuben – und Lichtgängen. Am Sonntagabend hat man die Jugend an allen Orten singen gehört und manches Alte hat sich an der heiteren Jugend wieder selbst erfreut. In meinem Alter, wo ich so Nächte hindurch nicht schlafen kann, erinnere ich mich an das alles, was ich in meiner Jugend erlebt habe und ich wundere mich so oft, wie der liebe Gott den Menschen so wunderbar gemacht hat, dass Dinge, die 60 Jahre in der Gedächtniskammer geschlummert haben, wieder so natürlich zum Vorschein kommen können. All die vielen Lieder, geistlicher und weltlicher Art, die ich längst vergessen hatte, ich könnte diese wieder so gut singen wie damals. Der liebe Gott hat mich beiseite genommen, um besser mit mir zu reden und wie ein Arbeiter nach des Tages Last sich noch ein wenig aufs Bänkchen gesetzt und seine Tagesar­beit überblickt, ehe er sich zur Ruhe hinlegt, so zieht mein Leben an mir vorüber. Ach möchte mein Tagwerk doch vollkommen sein und nicht so viele Fehler und Versäumnisse aufweisen. Meine besten Werke bedürfen der Versöhnung, weil sie so vielfach mit Eigenliebe befleckt sind, doch der Herr ist gnädig und hat auch mir vergeben.

 

Es hat ein Bote leise geklopft an meine Tür
in wunderbarer Weise kam er ganz still zu mir.
Er kam von Gott gesendet ums lichte Abendrot
und hat mir Trost gespendet,
der Bote war der Tod.
Er kam mich zu erinnern an meines Lebens Ziel
und tief in meinem Innern klangs wie ein Saitenspiel.
Das sang ein Lied der Freude, aus einem sel´gen Kreis
der nichts vom herben Leide, der armen Erde weiss.
So spürt ich keine Schrecken, vor dem, was er gebracht,
er konnte nur erwecken in mir der Sehnsucht Macht.
So sing ich meine Lieder ins dunkle Land hinaus.
O Bote kehr bald wieder und bring mich bald nach Haus.


Was mein Grossvater erzählt hat

 

Ich wurde geboren in Burgberg anno 1806 als Sohn des Müllers Jakob Götz. Als ich 12 Jahre alt war, passierte mir ein Unfall. Ich verstauchte mein rechtes Bein. Ich achtete zuerst nicht darauf und hinkte weiter umher. Eines Tages hieß mich mein Vater in den Bach steigen und die Wagenräder herausholen, die man zum Verschwellen in den Bach gelegt hatte. Ich stand ziemlich lange in dem kalten Wasser, und ich fühle wie ein unheimliches Kribbeln durch mein krankes Bein zog. In der Nacht bekam ich arge Schmerzen und des anderen Tages holte man den alten Scheerer, welcher zu alle dem noch kalte Umschläge verordnete. Ich bekam darauf solche Schmerzen, dass ich Tag und Nacht laut schreien musste. Es wurde so schlimm, dass man nahe daran war, mir das Bein abzunehmen. Ich wurde so elend und musste über ein Jahr im Bett bleiben. Mein Bein eiterte und frass den Knochen an. Und als ich endlich nach Jahr und Tag wieder auf meinen kranken Fuss stehen konnte, wurde man mit Schrecken ge­wahr, dass das Bein zu kurz geblieben war und ich Zeit meines Lebens ein Hinker bleiben musste. Ich konnte fast nur im Sitzen etwas arbeiten. Ich lernte allerlei Handarbeiten, und weil der Arzt mir vieles Sitzen empfahl, weil mein Körper zum Entwickeln Bewegung brauchte, half ich der Mutter in der Haushaltung. Jahre gingen darüber hin, ich war wieder etwas kräfti­ger geworden, aber die Wunde an meinem Fuss schloss sich nicht. Eines Tages, ich hatte un­terdessen mein 20.Lebensjahr erreicht, sagte mein Vater zu mir: „Christian, so kann es nicht weiter gehen. Du musst etwas lernen wo du dir dein Brot verdienen kannst. Wenn wir Eltern nicht mehr leben, sorgt niemand mehr für dich. Ich kenne in Villingen einen geschickten Chirurgen und zu dem wollen wir jetzt heute gehen ihn fragen, ob der dich nicht in die Lehre nehmen könnte. Dieses Handwerk könntest du am besten ausüben.“

Wir gingen nach Villingen, und mein Vater schloss einen Vertrag mit dem Meister ab, und ich konnte gleich eintreten. Es folgte für mich nun eine sehr schwere Zeit, und wer in seinem Le­ben immer bei der vollen Krippe gewesen ist, kann es nicht nachfühlen, was hungern heisst. Es war damals in den zwanziger Jahren so eine schmale Zeit, dass man froh sein musste, wenn man noch dreimal täglich etwas bekam. Morgens und abends gab es Suppe, mittags wieder Wassersuppe mit Rüben oder Kraut und etwas Kartoffeln. Die Meisterin gab mir gleich am ersten Tag gute Lehren. Sie meinte, das viele Essen hätte keinen Wert, wenn man den Magen gesund erhalten wolle, dürfe man ihn nie ganz füllen. „Christe“, sagte sie zu mir, „ich rate dir, wenn du gesund bleiben willst, dann musst du immer aufhören, wenn dirs am besten schmeckt und nicht noch den letzten Rest aus der Schüssel holen.“ Sie trug über­haupt die Speisen so heiss auf, dass ich mir immer den Mund verbrennen musste, wenn ich was be­kommen wollte. Man hatte damals noch keine Teller, man aß alles aus einer Schüssel. Ich musste der Meisterin das Dienstmädchen ersetzen und musste alles im Haushalt schaffen hel­fen. Ich durfte den kleinsten Teil des Tages dem Meister helfen. Nur des samstags, wenn viele Kunden da waren, durfte ich einseifen zum Rasieren und beim Zahnziehen dem Patien­ten den Kopf halten, beim Aderlassen die Blutschüssel halten. Am Sonntagmorgen schlug meine schönste Stunde, auf die ich mich die ganze Woche freute, da durfte ich heim. Wie fröhlich wanderte ich meiner Heimat zu über den Gugenbühl. Und wie schmeckte das Mittag­essen zu Haus wo ich nicht mehr die Lehre der Meisterin befolgen musste. Am Montag in der Frühe gings wieder der Stadt zu. Mein Schlitzsack war immer gefüllt mit Lebensmitteln, auf die man schon begierig wartete und die mir immer ein paar gute Worte eintrugen. Als sich meine Lehrzeit mehr zum Ende neigte, durfte ich auch alles mehr praktisch üben und oft selb­ständig etwas ausführen. Abends musste ich alles schreiben, was zu meinem Beruf gehörte. Der Mei­ster diktierte, eine Pfeife rauchend vom Sessel aus, und ich schrieb alles, was ein da­maliger Wundarzt in einem Dorfe wissen muste. Ich hatte alles bereits praktisch geübt bis auf das Aderlassen, dazu hat sich dem Lehrjungen niemand hergeben wollen.


Eines Morgens klingelte es stark an der Haustür, der Meister öffnete und da stand der Besen­jakob von Langenschiltach. „Ach, lieber Meister kaufen sie mir doch einige Besen ab. Ich bin so arm, wir haben schon zwei Tage kein Brot mehr. Und ich habe die Besen fertig gemacht und den Kindern versprochen und nun habe ich noch kein Stück verkauft. Ach, seien sie doch so gut und nehmen sie doch ein paar.“ „Ach, armer Jakob, du dauerst mich wirklich, aber ich habe die letzten Besen, die du mir gebracht hast, noch neu.“ Nach einigem Besinnen sagte der Meister: „Jakob, ich mache dir einen Vorschlag, wenn du darauf eingehst, kannst du dir ein Stück Geld verdienen. Ich habe nämlich einen Lehrjungen hier, der das Aderlassen probieren sollte, und wenn du uns deinen Arm geben wolltest und der Junge dürfte daran das Aderlassen probieren, so gebe ich dir einen halben Gulden.“ Mit Freuden ging Jakob auf diesen Vor­schlag ein. „Christian“, sagte der Meister, „wenn du am Sonntag heimkommst, dann sagst du deinem Vater von deinem Meisterstück, das dich einen halben Gulden kostete und bringst mir das ausgelegte Geld am Montag wieder.“ Abgemacht, der Jakob setzte sich auf den angewie­senen Stuhl und ich entblößte seinen rechten Arm, unterband den Oberarm und richtete das Verbandszeug. Der Meister gab mir noch allerlei gute Lehren und ich hielt mit zitternder Hand den Schnepper. Es war mir doch ein wenig bange, ob es mir auch richtig gelingen würde. “Nun mit der Linken übst du einen geringen Druck auf die Vena – weißt du noch wie sie heisst?“ „Cephalica,“ antwortet ich schnell. Also den Schnepper auf die Mitte der Ader, den Zeigefinger zum Druck auf den Schnepper und schon war es geschehen. Das hellrote Blut sickerte den Arm hinunter, der Meister schüttelte den Kopf. „Es ist dir nicht so richtig gelun­gen, bist zu weit rechts gekommen. Wir wollen nicht zu viel Blut laufen lassen. Jetzt legst Du einen kunstgerechten Verband an, wie du gelernt hast.“ Als ich den Arm verbunden hatte, war es mir doch nicht ganz wohl, weil mein Meisterstück nicht gut ausgelaufen war. Klopfenden Herzens sagte ich: „Jakob, wenn ich´s noch einmal probieren dürfte am linken Arm, würde ich euch gern noch einen halben Gulden geben, ich mag ihn auftreiben wo ich will.“ Mit Freuden willigte Jadob ein und der linke Arm brachte mir mehr Glück. Als ich die Ader ge­öffnet hatte, machte das Blut einen Bogen und ergoss sich viel lebhafte als am rechten Arm. Wir liessen nicht zu viel von diesem hoch wichtigen Lebenssaft laufen, ich legte schnell den Verband an. Der Jakob war so weiss geworden und man befürchtete eine Ohnmacht. Der weite Weg von Langenschiltach bis hierher und nichts im Magen. Wir führten ihn in die Wohnstube und der Meister besorgte schnell ein Schöppchen Wein und ein Stück Brot. So gestärkt kam bald wieder Farbe ins Gesicht und Jakob war wieder munter. Als der Meister ihm ei­nen Gulden aushändigte, vergoss der gute Mann Freudentränen. Er erzählte, wie er inbrünstig den lieben Gott gebeten habe, er möge ihm doch in Villingen Herzen erwecken, die ihm seine Besen abkauften, damit er doch einen Laib Brot kauften könnte. “Und wie er nun mein Gebet erhört und mir viel mehr beschert als ich zu hoffen wagte. O, wir haben einen herrlichen Gott, er tut noch Wunder wie vor Alters. Ich bin der glücklichste Mensch, wo es gebt. Wie werden meine Kinder sich freuen, wenn sie sich wieder einmal sattessen können.“ „Jakob“ sagte der Meister, „die Besen lässt du hier, die will ich dir an meine Bekannten ver­kaufen und das Geld dafür kannst du gelegentlich holen.“ Mit vielem Dank und Vergeltsgott schied Jakob von uns und als er mir die Hand reichte, sagte ich: „Jakob, ich gehe in nächster Zeit nach Hause und fange mein Handwerk daheim an, wenn ihr Zeit habt besucht mich ein­mal in Burgberg. Bin in der oberen Mühle daheim und heisse Christian Götz.“
Soweit der Grossvater.

Der Grossvater kehrte heim, übte sein Handwerk in unserer ganzen Gegend und hat uns Kin­dern den Vater ersetzt. Wenn er zu Hause war haben wir uns immerzu ihm geflüchtet, wenn wir in Not kamen. Er war ein guter Mann und wir liebten ihn mehr als die Grossmutter. Lei­der verfiel er auch in den Fehler der übrigen Burgberger. Sein Beruf führte ihn viel nach aus­wärts und da blieb er leider auch öfters sitzen wo voll eingeschenkt war. Die Grossmutter hat als gesagt, wenn er betrunken heimkam: “So, hat dir der alte Schneidermichel wieder den letzten Kreuzer aus der Tasche gezogen? DU kommst mitsamt dem Michel in die Hölle. Der Grossvater soll als der Grossmutter ein Liedchen vorgesungen haben, wenn sie ihn mit Vor­würfen empfing. Es hiess: “Trink e, no hink e, trink e net, no hink e doch. No will ich lieber trinke und hinke, als net trinke und doch hinke.“
Der Grossvater ist jetzt schon 67 Jahre tot und von der jetzigen Generation weiss keines mehr etwas von ihm. Er ist vergessen. Auch ich bin das Letzte der Familie, das ihn gekannt hat und jetzt im Alter kommen mir alle seine Erzählungen wieder in den Sinn und besonders die Ju­genderinnerungen von dem armen Jakob, und ich denke dabei an einen Mann, der auch sein Blut geopfert hat, und nicht nur für seine lieben Kinder, sondern für seine Feinde und wie wenig Dank bringt ihm die Menschheit für dieses grosse Opfer.


Das Wetterglöcklein

 

Wenn im Sommer ein Gewitter am Himmel steht, da denke ich oft an meine Kindheit zurück, wo man sich ängstlich an die Mutter schmiegte. Die Mutter holte beim Beginn eines schweren Gewitters das Wetterglöcklein aus dem Kästle. Dieses Glöcklein war nicht aus Metall, son­dern aus Papier und war ein uraltes Gebetsbüchlein. Die Mutter las mit lauter Stimme die Ge­bete um Abwendung der Gefahr und wir Kinder schickten Seufzer zum Himmel und bei je­dem Donnerschlag glaubten wir, der Blitz sei in unser Strohdach gefahren. In dieser bangen Zeit gelobten wir, immer folgsam zu sein und wie waren wir froh und dankbar, wenn alles wieder vorüber war. Wir wussten damals noch nichts von einem Blitzableiter. Wenn das Ge­witter des Nachts war, mussten alle Hausgenossen aufstehen und sich ankleiden. Die Mutter schloss die Türen auf, damit man schnell hinaus käme, wenn der Blitz einschlagen würde.

Die Mutter erzählte oft von jenem schweren Gewitter im August 1859:
Am hellen Nachmittag wurde es Nacht, ein furchtbares Brausen erfüllte die Luft, ein orkanar­tiger Wind kam von Westen her und nahm alles mit fort, was sich bewegen liess. An unserem Haus war keine Scheibe mehr ganz, das Wasser floss in Strömen den Dielen nach, meinen kleinen Bruder, der ein kleines Kind war, musste die Mutter samt der Wiege in die Höhe stellen. Viele Obstbäume knickte der Sturm ab. Auf Müllers Acker hat es einen geladenen Garbenwagen über die ganze Sommerhalde hinunter geschoben, in der unteren Mühle hat es das Schopfdach ins Fuchsloch hinunter geworfen. Die Leute, die nicht mehr ein schützendes Dache erreichen konnten, hat es mit fortgenommen bis zum Fuchsloch hinunter. Dem Unter­müller hat es ein ganzes Stück Wald hingelegt wie ein Kartenspiel. Zum Glück war schon die meiste Winterfrucht daheim, was noch gestanden ist, hat das Hagelwetter zusammengedro­schen. Meine Mutter hat im Alter noch oft von diesem Schrecken erzählt. Sie hat damals nichts anderes mehr gedacht, als dass die Welt untergeht. In diesen schweren Stunden hat manches wieder beten gelernt. Nach dem Gewitter hat es grausig ausgesehen in unserer Ge­gend. So ein schweres Gewitter haben wir nie mehr erleben dürfen.

Anno 1927 hat es nach dem Gweitter am 7.Juli in einem ganzen Strich über Erdmannsweiler-Burgberg alles zusammengeschlagen. In Burgberg hat es die Brücke weggerissen und die Wiesen mit Steinen und Geröll überschwemmt. Den ganzen Nonnenberg hat das Hagelwetter verschont und wir haben Gott gedankt, als wir des morgens alles in Feld und Garten noch in vollem Wachstum sahen. So ein Gewitter hat schon oft gewaltiger zu einem Menschenherz gesprochen als die schärfste Predigt und so ein Blitz hat schon vieles offenbar gemacht, was sonst nicht an den Tag gekommen wäre, so zum Beispiel in Erdmannsweiler hat der Blitz bei einem Gewitter in das Haus eines früheren Kaufmanns, der zugleich Bürgermeister war, ein­geschlagen. Es war in der Zeit der Inflation wo die Lebensmittel so sparsam waren. Als der Feuerlärm ertönte, lief alles herbei, um noch zu retten, was zu retten war. Der Mann ver­wehrte mit Gewalt den Eintritt in eine Kammer, aber die jungen Burschen schlugen einfach ein Fenster ein und stiegen in die Kammer – und was fanden sie? – eine Kammer voll Le­bensmittel, eine Bettlade war ganz angefüllt mit Zucker. Die ganze Einwohnerschaft war em­pört, weil er ihnen dies alles vorenthalten hatte. Der Mann musste sein Amt niederlegen und durfte für den Spott nicht sorgen. Man hiess ihn überall nur den Zuckermann. Ich musste bei dieser Gelegenheit an Gottes Augen denken, die heller sind als der Blitz und vor denen wir dereinst bloss und offenbar sind. Und so manches, was hier vor Menschen verborgen geblie­ben ist, liegt enthüllt vor dem Richerstuhl Gottes. Wohl dem, der schon hienieden seine Schuld dorthin bringt, wo ihm vergeben wird, um des Versöhners Willen.


Gibt es einen Teufel?

 

Es gibt Leute, die diese Frage einfach verneinen, und wenn sie sich ein wenig auf sich selbst besinnen würden, müssten sie erkennen, dass er gerade in ihnen sein Handwerk übte. Er kommt nicht mit Hörnern und Geissfuss, wie er öfters gemalt wird, auch nicht als brüllender Löwe, sondern als ein Lichtsengel. Man sagt nicht umsonst, er sei ein Tausendkünstler.

In meiner Kindheit und Jugend verkehrte ich viel in einer Familie. Die acht Kinder waren teils älter, teils jünger als ich und wir spielten in unserer freien Zeit, so lange wir in die Schule gingen miteinander. Der Vater war Jäger und da gab es öfters Reh – und Hasenbraten. Und ich durfte mit den Kindern essen. Weil meine Mutter viel in diesem Hause aushalf, gab es für mich immer auch Gelegenheit, dort zu sein. Leider wurde der Mann krank und starb an einem Leberleiden. Es fiel der Witwe schwer, die Kinder, wovon das älteste 16 und das jüngste zwei Jahre alt war, zu erziehen. Besonders die zweitälteste Tochter, die sehr leichtsinnig war, machte ihr viel Kummer. Eines morgens kam meine Schwester zum Nähen in dieses Haus. Die Tochter musste ihr helfen. Die Mutter kam in die Stube und ging auf die Tochter los und griff sie am Arm und sagte: „Gelt, du schlechte Dirn, du warst heute Nacht wieder fort. Ich hab´s gehört, wie Du heimgekommen bist.“ „Aber Mutter“ sagte die Tochter, „was bildest du dir doch alles ein? Ich war ganz gewiss nicht fort.“ “Oh“, sagte die Mutter, „ich kenne dich. Du hast mich schon oft angelogen und ich nehme einen Strick und haue dich so lange, bis du die Wahrheit sagst.“ Die Tochter beteuerte auf´s Höchste, dass sie die Wahrheit sage. „Und wenn ich fort war, so soll mich der Teufel holen.“ Über diesen Fluch erschrak die Mutter so, dass sie die Stube verliess. Schweigend nähte das Mädchen weiter. Auf einmal sagte die Tochter zu meiner Schwester: „Du, Marie, gibt es eigentlich einen Teufel?“ „Jawohl“ sagte meine Schwester, „es gibt einen Teufel und zwar sehr vielgestaltig und sein Werk sieht man in den vielen bösen Menschen, die ihm dienen.“ „Ach“, sagte sie, „er wird mich doch nicht holen. Ich war nämlich doch fort heute Nacht und die Mutter hat mich zu sehr in die Enge getrieben, sodass ich aus Angst diesen Fluch getan habe.“

Es ging kein Jahr, so bekam dieses Mädchen, noch nicht 18 Jahre alt, einen kleinen Buben. Die Mutter sah ein, dass nichts zu machen war und kaufte ein kleines Häuschen und Marie heiratete ihren Liebhaber. Sie hat mit Not und Sorge zu kämpfen gehabt. Von den 10 Kindern, die sie geboren hatte, musste sie acht grossziehen. Von ihrer Trauung an sah man sie in keiner Kirche mehr. Es fiel damals nicht so sehr auf, weil ihr Haushalt sie so viel in Anspruch nahm. Die Kinder mussten mit 8 und 9 Jahren schon zu fremden Leuten in Dienst und sie gestaltete sich ihr Leben so bequem wie möglich. Wenn ein Todesfall in der Verwandtschaft war, so war sie regelmässig krank. Auch wenn ein Kind konfirmiert wurde, war die Mutter krank. Sie mag ja etwas herzleidend gewesen sein, aber bei Hochzeiten und sonstigen Festlichkeiten, die im Wirtshaus abgehalten wurden, war sie bis zuletzt dabei. Der Mann war immer im Taglohn auswärts und sie war viel allein und diese Gelegenheit hat mancher benützt und ist halbe Tage bei ihr gesessen und hat mit ihr gezecht, indessen daheim seine Kinder und sein Weib gehun­gert haben. Meine Schwester und ich haben oft versucht, ihr beizukommen und haben sie ge­beten, doch einmal mit uns in eine Versammlung zu gehen. Bruder Blum von St.Georgen hielt immer wieder eine Stunde bei Schmied´s und da waren viele Leute da, aber sie hat es rund­weg abgelehnt. Sie schützte ihr Herzleiden vor und sagte: „Ihr wisst doch, dass ich nicht unter Gottes Wort kann. Es überkommt mich eine solche Angst, dass mir übel wird, ich probier´s gar nicht mehr.“ Wenn in späteren Jahren ihre Kinder geheiratet haben, musste es immer lu­stig zugehen und da wollte sie ja auch dabei sein. Sie ging immer mit den Hochzeitsgästen bis zur Kirche und dann lief sie das Dort hinauf so schnell sie konnte, und wenn sie das Vater­unserglöcklein hörte, war sie wieder da. Ich bin ihr selbst einmal in den Weg gelaufen und habe ihr zugeredet, doch mit zukommen, aber sie sagte mir ganz entschieden: „Du weißt, dass ich nicht kann. Mein Herz würde sofort versagen.“ Es machte mir oft Kummer, dass man ihr gar nicht beikommen konnte. Sie lebte in späteren Jahren mit ihrem Mann in stetem Unfrie­den, weil er sie öfters auf frischer Tat ertappte. Ihr Mann hat mich einmal gerufen, ich sollte ihr die Meinung sagen, aber da hat sie alles weggeleugnet, selbst das, was der Mann gesehen hatte. Ich hätte sie ja überführen können und die Namen von einigen ihrer Buben nennen kön­nen, denn was ein Mann bekennt auf dem Sterbebett, ist doch gewiss keine Lüge, aber ich durfte nicht. Ich sagte ihr von Gott und seinem Gericht, von Buße tun in der Gnadenzeit und alles, was mir in den Sinn kam von Gottes Wort. Aber sie hat nichts gelten lassen, der Mann sei ein eifersüchtiger Tropf und täte sie immer nur plagen. Es sei alles nicht wahr, sie begehre keinen anderen Mann und habe nie einen anderen gehabt. Als sie so ihre Unschuld beteuerte, wusste ich nichts mehr zu sagen, als ich sah, dass der Teufel sein Opfer nicht mehr los gab. Meine Schwester und ich haben oft mit Bedauern von dieser unbussfertigen Seele gesprochen. Und das Schlimmste von der Sache war, dass sie ihren Kindern fast allen ihre schlimmen Ei­genschaften vererbt hat. Ich habe immer noch die geringe Hoffnung gehabt, dass vielleicht das Krankenbett sie noch zur Buße bringen würde. Sie ist bis in die siebziger Jahre ziemlich gesund gewesen, bis sie eines Morgens tot im Bett lag. Als ich an ihrer Leiche stand, bewegte mich nur ein Gedanke: Wird der Herr ihr Gnade geschenkt haben zur inneren Herzensumkehr oder ist sie in ihrem sündigen Zustand hinübergeschritten? Es kann ja kein Mensch den ande­ren beurteilen über seinen Seelenzustand. Bei meinen Besuchen war sie immer freundlich und hat mir alles gelten lassen, was ich ihr aus Gottes Wort gesagt habe, aber geäussert hat sie sich nie mir gegenüber. Ich hätte ihr vielleicht mehr Liebe entgegenbringen sollen. In dieser Hin­sicht bleibt man ja immer Schuldner. Ich möchte bei diesen meinen Erfahrugnen nur jeden warnen, sich nicht in solch leichtsinniger Weise dem Teufel zu verschreiben. Denn dann kommt ein Bann über ihn, aus dem er sich nicht mehr so leicht lösen kann, wenn er nicht bei­zeiten Buße tut und der Heiland ihm Gnade schenkt.


Du sollst nicht schwören

 

Es war im August des Jahres 1886. In St.Georgen war Jahrmarkt, wenn es die Erntearbeiten erlaubten, ging gewöhnlich die Jugend der Umgebung auf den Markt. Nicht gerade um zu kaufen, sondern mehr um sich zu amüsieren bei Spiel und Tanz. Drei Mädchen sah man heute rund vergnügt die Schornstrasse hinwandern. Es waren gleichaltrige Mädchen von 20 Jahren. Der helle Übermut dieser Jahre leuchtete allen dreien aus den Augen. Die malerische Schwarzwaldtracht stand allen dreien so gut. Weithin leuchteten die weißen Hemdärmel, die Haare und Kappenbändel flatterten lustig im Winde. Um sich die Zeit des langen Weges zu verkürzen, machten sie allerlei Witze und neckten sich gegenseitig mit ihren Bekanntschaften. „Mir ist es schrecklich heiß“, sagte auf einmal Anne, die Lustigste unter ihnen, „wir wollen uns ein wenig in den Schatten setzen, wir bringen unser Geld doch noch los.“ Lachend setzte sie sich unter eine Tanne und die anderen folgten ihr. Sofort nahm sie ihre Neckereien wieder auf. „Du Tine“, sagte sie, „du wirst freilich pressieren, der Vide wird schon sehnsüchtig auf dich warten.“ „Ach“, sagte Tine fast unwillig, „lass mich doch endlich in Ruhe mit dem Vide. Du weißt, dass ich ihn nicht will, selbst wenn ich keinen andern kriegen würde.“ „Ja, Tine, ich weiss, dass du deine Ziele höher gesteckt hast. Du willst Bäuerin werden, aber ich sage dir im Voraus, daraus wird nichts, der will eine Bauerntochter, die Spähne hat.“ „Oh, Anne, wie du nur so schwatzen magst. Das hat er dir gewiss gesagt,“ wehrte sich Tine. „Er nicht, aber seine Schwester“, trumpfte Anne auf, „sie hat mir alles gesagt. Auch dass dein Vater dich dem Ma­tis angetragen hat.“ Tine war in hellen Zorn geraten. Als Anne sah, was sie angerichtet hatt, sattelte sie schnell um. „Ach Tine, sei mir doch nicht böse und nimm nicht alles so ernst, ich wollte dich nur ein wenig anlaufen lassen um dem Vide ein wenig aufzuhelfen, der gibt ja doch deinen Mann.“ „Niemals“, sagte Tine, „ich liebe ihn nicht und will nichts von ihm wis­sen." „Nun“, sagte Anne, „ich habe nur am Maimarkt gesehen, wie du seine Geschenke, die er dir kaufte, so freudig eingesteckt hast. Wer einem Mädchen geschenkt hat am Nachmit­tag, geht auch des abends mit ihm heim. Und ich sage dir noch einmal, er gibt noch einmal deinen Mann. Du bist zu heizig um seine Geschenke abzuweisen und mit dem bringt er dich herum.“ In hellem Zorn sprang Tine auf: “Jetzt hab ich´s aber satt.“ Sie hob erst die rechte Hand in die Höhe wie zum Schwur. „Wenn ich den Vide heirate, dann soll ich keine gesunde Stunde mehr haben.“ Bis ins Innerste erschrocken standen die beiden Mädchen auf und Anne sagte nur: „Wir wollen weitergehen.“ Fast stillschweigend erreichten sie das Städtchen. Die Mädchen schlenkerten diese und das betrachtend auf dem Markt umher. Auf einmal sahen sie, dass sie Tine verloren hatten. „Wir wollen sie suchen,“ sagte Lene, „sonst meint sie gar, wir seien ihr böse.“ Eifrig wurde gesucht. Auf einmal gab Anne der Lene einen Stoss. „Guck, dort ist sie und der Vide neben ihr. Sie sucht sich gerade einen schönen Samtbändel aus. Jetzt kramt er ihr wieder tüchtig und der Geiz heisst Tine alles einstecken. Ach, hätte sie doch die­sen Fluch nicht getan. Mir tut sie leid, wenn ich nur nichts gesagt hätte. Komm, Lene, wir gehen in die „Krone“ zum Tanz, dass wir diese leidige Geschichte vergessen.“ In der „Krone“ war kein bekanntes Gesicht und die beiden entschlossen sich bald zum Heimgehen.
Wochen gingen vorüber, Kirchweih kam, überall war Tanz. Beim Tanz erwartete man Tine zu sehen, aber umsonst. Tine liess sich immer entschuldigen, wenn sie eines von den Mädchen besu­chen sollte. Sie sahen sie nie mehr. Winter und Ostern gingen vorüber. Auf einmal hiess es: Tine hat ein kleines Mädchen. Sie hat den Arzt haben müssen, es war eine schwere Ge­burt.“ Nach einigen Wochen hiess es: „Tine ist noch immer krank, sie kann noch nicht aufste­hen.“ Wir müssen sie besuchen, sagten sich die Freundinnen und gingen eines Sonntags zu ihr. Sie tra­fen sie bleich und elend im Bett. Als sie die beiden Mädchen begrüsste, weinte sie zum Herz­brechen. „O, wie trefft ihr mich an! Ich bin eine elende Sünderin und bin an allem selber schuld. Jetzt muss ich hier liege und warten, bis jemand kommt. Der Sommer ist vor der Tür und die viele Arbeit. Die Mutter hat sich, seit ich liege so überarbeitet, sie kann es fast nicht mehr verschnaufen, und statt dass ich sie pflege, muss sie mich besorgen.“ Tines Vater suchte sich eine Magd und besorgte mit dieser das Feldgeschäft.


Die alte Mutter war schwer herzlei­dend und konnte ihre Tochter und das Kind nicht mehr besorgen. Es war gut, dass der Vide jeden Abend kam und so das Nötigste tat. In rührender Treue sorgte er für alle Bedürfnisse. Der Sommer verging, Tine konnte nur mit grossen Schmerzen sich ein wenig bewegen und musste fast immer im Bett liegen. Ihre alte Mutter fand man eines morgens tot in ihrem Lehn­stuhl. Der Vater heiratete die Magd und Tine hatte von dieser nichts Gutes zu erwarten.
Der Winter verging, das Frühjahr kam ins Land und brachte der Tine wieder ein kleines Mäd­chen. Die zweite Geburt verlief besser als die erste, und Tine konnte jeden Tag ein wenig auf­stehen. Der Vater drang mit aller Strenge aufs Heiraten und Vide besorgte eine Wohnung und führte seine kranke Frau zum Standesamt.
Der Arzt riet ihr einmal nach Tübingen zu gehen, wel­ches sie befolgte. In Tübingen wurde festgestellt, dass sie Gebärmutterpolypen hatte, sie wurde ausgebrannt, und es ging einige Zeit besser. Aber die Geschwülste wuchsen wider nach und sie musste sich jedes Jahr dieser Ope­ration unterziehen. Sie lebte so weit glücklich in ihrem Ehestand. Der Mann war fleissig und sparsam und liebte seine Frau trotz ihrer Kränk­lichkeit. Nach einigen Jahren kauften sei ein Haus im Württembergischen. Ihre älteste Tochter machte ihnen viel Kummer und brachte schon mit 17 Jahren ein Kind. Ich habe öfters mit Tine gesprochen und ihre Klage war immer, dass sie nie ohne Schmerzen sei und sie befürchte, dass ihr Leiden böse ausarten würde. Was sie befürchtete ist eingetroffen, sie ist ungefähr vor 22 Jahren an einem Krebsleiden gestor­ben. Wie mag sie ihren voreiligen Schwur bereut ha­ben, und ich glaube, dass der Herr ihr vergeben hat und ihr jahrelanges Leiden hat sie ins Ge­bet getrieben und war für ihr Seelen­heil das Beste.

Die drei Mädchen, die ich hier erwähnte, sind mit mir auf einer Schulbank gesessen und als ich einmal von der Schweiz in die Ferien nach Hause kam, haben Lene und Anna diesen Her­gang erzählt wie ich ihn hier wortgetreu wiedergegeben haben.
Alle drei sind schon lange in der Ewigkeit. Anna hat einen braven Mann geheiratet, welcher noch lebt. Sie selbst ist an ei­ner Blinddarmentzündung mit 32 Jahren gestorben. Ihre Kinder und Enkel sind alle in unse­rem Kirchspiel. Lene ist ein stille, braves Mädchen geblieben. Ich durfte sie noch pflegen, als sie vor 12 Jahren an einer Lungenentzündung erkrankte und nach einigen Tagen starb.
Eine stille Wehmut will mich oft beschleichen, wenn ich an die frohen Tage meiner Kindheit und Jugend zurückdenke. Von den 25 Mädchen, die mit mir konfirmiert wurden, leben – so­viel ich weiss – noch acht. Von den 14 Buben lebt nur noch einer.

Alle irdischen Freuden in Jugend und Glück, kein Wünschen, kein Sehnen bringt sie zurück. So zog das Glück der armen Welt vorüber. Der Abend kommt. O, du, der uns gezeigt, wie un­sere ewige Seele darbt auf dieser Erden, du Licht vom Licht, der Tag hat sich geneigt, bleib bei uns, es will Abend werden.


Ich kann singen!

 

Es war anfangs der siebziger Jahre. Die Jugend von Erdmannsweiler musste damals noch nach Burgberg zur Schule gehen. In dem Schulzimmer des alten Schulhauses waren die Schüler so eingepfercht, und der Lehrer hatte soviel Mühe mit den vielen Kindern. So dass er drei Abteilungen machen musste, um seiner Aufgabe nachzukommen. Da war der erste, zweite und dritte Jahrgang, bei der zweiten Abteilung der vierte, fünfte und sechste Jahrgang, bei der dritten Abteilung waren der neunte und achte Jahrgang. Es war für den Lehrer durch­aus keine so leichte Sache den vielen, oft so schwachbegabten Kindern die nötige Weisheit für das Leben beizubringen.

Eines Tages war es besonders streng für die Kinder. Der Lehrer war so aufgeregt und der Ha­selstock tat seine Schuldigkeit, wenn eine falsche oder gar keine Antwort gegeben wurde. Am Schluss sagte dann der Lehrer: „So Kinder, morgen ist Schulprüfung. Zieht euch sonntäglich an und seid pünktlich hier.“ Des nächsten Tages waren alle pünktlich zur Stelle. Mit mehr oder weniger Herzklopfen wurde der gestrenge Herr von Villingen erwartet und mit geheimer Freude dachte wohl jedes an den Spitzwecken, der am Schluss der Prüfung winkte. Die Kut­sche war beim „Kranz“ angefahren und schon kam der Herr den Schulberg herauf und betrat würdevoll das Schulzimmer. Nach kurzer Begrüssung übersah der Rektor die Schülerzahl. Gleich auf der vorderen Bank gewahrte er einen Knaben, der die Augen geschlossen hatte und wie es schien, teilnahmslos dasaß. „He, kleiner Mann, was schläfst du denn! Weisst du nicht, dass heute Schulprüfung ist?“ „Ach“, sagte der Lehrer, „das ist ein schwachsinniges Kind. Mit dem armen Jakob ist nicht viel anzufangen.“ „So“, sagte der Rektor, „kleiner Jakob, du lernst also gar nichts. Hast du wirklich gar nichts, was du mir sagen kannst?“ Das war dem armen Jakob doch zuviel. „Doch“ sagte er, „ich kann singen.“ Er hatte nämlich eine ganz feine Stimme und der Lehrer sagte oft, dass er am besten singen könne von der ganzen Klasse. „Nun“, sagte der Rektor, „Jakob, wenn du singen kannst, dann singe du mir etwas vor.“ Hierauf langte der Lehrer seine Geige und stimmte das bekannte Kinderlied an. Jakob faltete wie zum Gebet die Hände, drückte die Äuglein zu und begann mit seiner süssen Kin­derstimme zu singen:

 

„Ein Mücklein ging spazieren, die Wand wohl auf und ab.
Es gedacht an süsses Futter, an Honig, Milch und Butter.
Ein Spinnlein kam gegangen, sah´s Mücklein an der Wand.
Im Nu war es gefangen an einem zarten Band.
Da half kein mutig Ringen, sein Sterbelied hört man´s singen.
Das Spinnlein kam, o Graus, sog ihm sein Mückenseelchen aus.“

 

Bei der letzten Strophe rann dem kleinen Jakob eine Träne über seine bleichen Wangen aus Mitleid mit dem armen Mücklein. Der Rektor war tief gerührt über diesen süssen Kinderge­sang. Er zog sein Portemonnaie und gab dem kleinen Jakob einen Groschen. „So“, sagte er „du hast deine Prüfung gut bestanden. Ich bin zufrieden mit dir. Wenn alle so gut bestehen wie du, dann bin ich zufrieden.“ Voller Freude nahm Jakob den Groschen in Empfang.

Es war wohl der einzige, den er in seinem Leben verdiente, er hat frühe heimgehen dürfen. Mit der Gewissheit: „Ich werde im Himmel singen!“ ist er hinübergeschlummert zu jenem seligen Chor. Meine Schwester, die dabei war, hat sich später immer noch oft an den kleinen Sänger erinnert. Sie ist weit gekommen in der Welt und hat noch manchen schönen Gesang gehört, aber der Gesang des kleinen Jakob hat sie doch mehr gerührt, denn er hat mit dem Herzen gesungen.


Singet!

 

Wie sehr jener Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten in dieser Aufforderung recht hat, habe ich im Leben vielfach erfahren. Viele Betrübte sind schon durch den Gesang getröstet wor­den. Ja, manches harte Herz, das keiner Predigt zugänglich war, ist durch einen schönen Ge­sang gewonnen worden. Im Anfang meines Dienstes kam ich oft in ein Haus, um die kranke Mutter zu pflegen. Weinend umstanden die Kinder das Sterbebett der Mutter. Unter ihnen war besonders ein Sohn, der ein sehr leichtsinniges Leben führte. Mit letzter Kraft ermahnte ihn die Sterbende zur Umkehr. Der gute Vorsatz, den der Sohn beim Sterben der Mutter fasste, war sehr bald wieder verschwunden. Ja, er wurde immer leichtsinniger und seine Frau mit den Kindern musste bittere Not leiden. Ich bin viel in diese Familie gekommen, weil die Kinder viel krank waren. Bei dem Mann hat alles Zureden und aller Anschauungsunterricht nicht genützt, er ist dann nur nicht heimgegangen. Ein Halsleiden hat ihm zwei grössere Kinder in einer Woche dahingerafft. Seine Geschwister, zwei ältere und zwei jüngere starben in kurzer Zeit an einem Lungenleiden. Alle diese Mahnungen halfen nichts. Er meinte immer, ihm ma­che das alles nichts, er versaufe seine Bazillen. Es vergingen aber nicht viele Jahre, da hörte man ihn öfters hüsteln. Er klagte über Müdigkeit, nahm es aber durchaus nicht ernst, sondern wehrte sich mit aller Gewalt, wenn man etwas vom Sterben sagte. Der Herr Pfarrer Miekel besuchte ihn jede Woche und ermahnte ihn allen Ernstes zur Buße und Sinnesänderung, aber die Rinde seines harten Herzens wollte nicht brechen. Wie viel mag dieser ernste Mann um diese Seele gerungen haben. Er sagte oft zu mir: „Ich meine als, ich müsste diese arme, ge­knechtete Seele hineintragen in die Arme meines Heilandes.“ Ich habe zwei fromme Damen gekannt in Königsfeld, als diese von dem Kranken hörten, wurden sie willig, ihn zu besuchen. Sie lasen Gottes Wort und beteten und zum Schluss sangen sie immer noch ein Lied aus dem Rettungsjubel. Der wunderschöne Gesang dieser beiden Damen musste das härteste Herz rüh­ren. Und was aller Zuspruch und alles Beten nicht vermochte, das hat der Gesang zustande gebracht. Die harte Rinde des Herzens ist gebrochen. Ein Tränenstrom, so erschütternd und gewaltig, brach sich Bahn und mir kam unwillkürlich Gerocks Lied in den Sinn:

 

In Tränen walte nur ungehemmt
bis alles alte hinweggeschwemmt.
Wo Herzen klopfen, ist Leben da
wo Augen tropfen, ist Tröstung nah.
Wenn bis zum Grunde das Herze erweicht,
dann kommt die Stunde des Heils vielleicht.

 

Und sie kam, die Stunde des Heils war auch für diesen Sünder gekommen. Mit aufrichtiger Buße bekanne er seine ganze Sündenschuld. Mit Sehnsucht wartete er auf die Stunde des Ab­schieds. „O“, sagte er öfters, „ich wollte um alles in der Welt nicht mehr gesund werden. Ich hätte Angst, ich würde meinem Heiland nicht mehr treu bleiben.“ Ich war die letzten drei Nächte bei ihm, er konnte keinen Laut mehr von sich geben und musste ganz aufrecht im Bett sitzen. In der letzten Nacht sah ich ihn immer ganz scharf nach dem Fenster blicken und ich neigte mich zu ihm hin und fragte, was er sehe. „Den Heiland“ hauchte er, breitete seine Arme aus und sank zurück. Sein Geist war entflohen. Das war ein seliges Sterben ohne To­deskampf. Nicht nur die Engel im Himmel, sondern auch wir haben uns gefreut, denn solch einen seligen Heimgang habe ich selten erlebt.

Der Pfarrer Miekel hat in der nächsten Kantate den Vorfall in der Predigt erwähnt und die Gemeinde gebeten, doch auch mehr das Lob Gottes durch den Gesang zu verkünden und die trostlosen Tage so manches Kranken dadurch ein wenig zu erhellen.


Was ist von Ahnungen und Vorzeichen zu halten?

 

Wiewohl hierinnen vieles in das Reich des Aberglaubens zu verweisen ist, will ich es doch nicht bestreiten, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die man nicht erklären kann. Ich war nie abergläubisch und habe schon im Unterricht einen grossen Aufsatz gegen den Aberglauben geschrieben. Auch in meiner langen Dienstzeit, wo ich doch so viel des Nachts draussen war, habe ich nichts mit Geisterfurcht zu tun gehabt. Ich habe alles Geheimnisvolle untersucht und dann ganz natürlich gefunden. Ich habe mich weder vor den Lebenden noch vor den Toten gefürchtet. Es hat mich auch niemand in der Nacht erschreckt und in dieser langen Zeit habe ich nie einen Feind gehabt. Die paar verleumderischen Zungen, die mir viel Kummer bereitet haben, waren mir ins Gesicht die besten Freunde. Mit Gott bin ich ausge­gangen und mit Gott bin ich heimgekehrt. Die schützende Hand Gottes hat mich bewahrt, dass mir nie ein Unfall passiert ist. Gott hat mir bei dem Vielen, das ich mitzumachen hatte, immer einen heiteren Mut und ein fröhliches Herz geschenkt. Doch manchesmal beschlich mich so ein banges Gefühl, das ich nicht zu erklären wusste und fast immer wartete dann eine unangenehme Sache auf mich, die mir oft viel Kummer machte. Auch Vorzeichen von nahen Todesfällen sind mir geworden.

Es war am 2. Dezember 1903. Ich hatte Nachtwache bei einem schwerkranken Jungen. Er hatte eine Darmkrankheit und ich durfte ihm nur löffelweise Wasser geben und sass an sei­nem Bett, das Wassertöpfchen in der Hand. Es war halb 12 Uhr. Auf einmal klopfte jemand an das nächste Fenster und zwar so gellend, das ich meinte, die Scheibe sei zersprungen. Ganz erschreckt fuhr ich auf. Mit einem „Ja?“ ging ich zum Fenster und öffnete es. Ich fragte: „Wer ist da?“ Doch da war weder Stimme noch Antwort und, da sich niemand zeigte, ging ich zu­rück an das Bett des Kranken und fragte: „Nun Karl, du hast doch auch das laute Klopfen vorhin gehört?“ „Ach nein“, sagte Karl, „ich habe nichts gehört. Du hast es nur gemeint.“ Ich setzte mich wieder ans Bett und dachte diesem geheimnisvollen Klopfen nach und darüber verging genau eine Stunde. Auf einmal, dumpf und gedehnt, ein dreimaliges Klopfen wie aus ziemlicher Entfernung, gerade über meinem Kopf. Ich fuhr auf und sagte: “Was ist doch das für ein Klopfen heute nacht?“ „Ach“, sagte der Knabe, „ich habe gar nichts gehört. Ich weiss nicht, was Du immer meinst.“ Die ganze Nacht hatte ich Arbeit mit dem Kranken, sein Zu­stand verschlimmerte sich immer mehr und der Arzt gab keine Hoffnung mehr.
Am nächsten Vormittag, halb 11 Uhr, schickte meine Schwester ein Kind und liess mir sagen, dass meine Mutter gestorben sei. An der Beerdigung meiner Mutter kam der Grossvater von dem kranken Karl auf mich zu und sagte: „Heute Nacht ist unser Karl gestorben.“ Meine bei­den Schwestern sahen mich an und sagten: „Siehst du, wir haben´s dir gesagt. Das erste Klop­fen war für dich und das zweite galt dem Kranken.“ Ich musste es glauben, weil es keine an­dere Erklärung gab.
Im späteren Leben musste ich es noch öfters erfahren, dass es eine Verbindung gibt zwischen uns und der Geisterwelt. Ich liess diese Dinge stehen, ohne ihnen viel Bedeutung beizumes­sen, weil man sonst leicht in ein Gebiet hineinkommt, das uns auf Abwege bringt.

Ganz fromme Christen habe ich gekannt, die eine Erscheinung gehabt haben, und die es mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut haben, wo Gott mit sichtbarer Hand einge­griffen hat in ihr Leben. Und wenn jemand mir gegenüber behauptet hat, es gibt keinen Gott, da bin ich hingestanden mit der Behauptung: Und es gibt einen Gott und eine Vergeltung. Das habe ich an mir und an anderen vielfältig erfahren. Vier Fälle könnte ich nachweisen, wo mir eine Mutter geklagt hat, wie grob und wüst ihre Tochter gegen sie sei. Nach ungefähr 20 Jah­ren hat mir dieselbe Tochter über ihre eigene Tochter in denselben Worten dasselbe geklagt. Eine Tochter hat als ihre Mutter geschlagen und im Alter hat sie selbst vor ihrem Sohn fliehen müssen. Im Gegensatz zu diesem habe ich arme Kinder gekannt, die in aller Treue ihre alten Eltern gepflegt haben und der Herr hat sie in ihrem Leben reichlich versorgt und ihnen ohne ihr Zutun ein Haus gebaut.


Ich habe es ja an mir erfahren, wie man mir eine Grube gegraben hat und hat sich dann selbst darin gefangen. Viele Menschen haben mir mit ihren Verleum­dungen viel Kummer gemacht. Ich habe mich nie selbst zu rächen gesucht. Ich habe im Gebet alles dem Herrn anheimgestellt und der liebe Gott hat es immer so gefügt, dass ich diesen Menschen in aller Liebe dienen durfte und mit der Zeit habe ich auch die meisten meiner Wi­dersacher überwunden. In der ersten Zeit meines Dienstes habe ich mich oft unter den Wach­holder gesetzt mit der Bitte „Herr, es ist genug!“ Und wenn ich nicht gebunden gewesen wäre, ich hätte mich einfach davon gemacht. Zur damaligen Zeit war ja der Schwarzwälder gegen jede Neuerung und hat jeden, der nicht im Feld gearbeitet hat, für einen Faulenzer gehalten. Und darum hat man über mich die unglaublichsten Dinge prophezeit. Ein Mann hat gesagt: „Nicht um tausend Mark dürfte mir diese Stadtmamsell ins Haus.“ Und nach kaum einem Jahr hat er fünf Mark be­zahlt, dass man ihn in den Verein aufgenommen hat, weil der Arzt eine geschulte Pflege ver­ordnet hat. Ich habe mich durchgerungen und bin unten durch und habe jede Arbeit getan, die mir in die Hände gekommen ist. Der Herr Pfarrer Höflich hat den Ver­ein gegründet und ist nach einem halben Jahr schon weggegangen und die ganze Sache habe ich allein durchge­führt. Der nachfolgende Pfarrverweser war ja nur der Stiefvater des Vereins. Ich habe in den ersten Jahren manche Dummheit gemacht und darum musste mich mein Gott immer wieder in Trübsal führen, damit ich wieder sah, dass mit eigner Kraft nichts zu errei­chen ist. In leibli­cher Pflege habe ich oft fast über meine Kräfte geleistet und bin, oft selbst nicht wohl, Nächte hindurch an Krankenbetten gesessen und tagsüber oft in allen drei Dörfern und bei jedem Wetter herumgelaufen.

Einmal bin ich des Morgens nach Weiler und konnte erst spät abends heim. Den ganzen Tag hat es unaufhörlich geschneit, ich ging der Strasse nach heim und dann von Müllers Höhe unserem Haus zu. Ich fiel immer wieder bis über die Knie ein und zuletzt meinte ich, nicht mehr weiter zu können und sank zusammen und der Schlaf wollte mich überkommen. Mit letzter Kraft raffte ich mich auf und mit einem „Herr hilf“ probierte ich es von Neuem und der Herr gab mir Kraft, dass ich doch zuletzt nach Hause kam.

Sehr oft war ich bei Sturm und Gewitter draussen und einmal ist der Blitz direkt vor mir in einen Baum gefahren. Ich war eine Zeit lang ganz betäubt. Einmal war ein furchtbarer Sturm und hat mir vor mir eine grosse Tanne über den Weg geworfen. Wenn ich ein wenig bälder gewesen wäre, hätte sie mich totgeschlagen. Der Herr hat so vielfach seine schützende Hand über mich gehalten und mich durch alle Stürme des Lebens glücklich hindurchgeführt. Ihm sei Lob und Dank gebracht.

Über meine Patienten wäre ja noch manches zu sagen. Ich habe das Sterben in jedem Alter gesehen, vom Kind bis zum Greis. Und es ist fast kein Haus in diesen drei Dörfern, wo man nicht eines hinausgetragen hat auf den stillen Friedhof, dem ich nicht die Augen zum letzten Schlummer zugedrückt habe. Wie verschieden auch der Tod bei jedem einzelnen war, er blieb doch immer ein Schrecken. Ich habe wenige gesehen, die freudig gestorben sind. Der Körper hat eben sehr grossen Einfluss auf den Geist. Ich habe ganz fromme Seelen gekannt, die in den letzten Stunden so zu leiden hatten, dass sie nicht mehr beten konnten und fast an Gottes Erbarmen irre wurden und alle Tröstung nicht mehr verfangen wollte. Wo der alte böse Feind noch des Zweifels Gier schickte, der an ihren Herzen nagte. Ich habe wenig von Schächers Gnade gesehen, die meisten, die gottlos gelebt, sind in diesem Zustand auch gestorben. Sie haben keinen Raum zur Buße mehr gefunden und das Gebet, das an ihrem Lager verrichtet wurde, drang nicht mehr durch die Wolken zum Gnadenthron Gottes. Ich habe mir dann im­mer wieder Vorwürfe gemacht, weil ich glaubte, meine Pflicht versäumt zu haben und zu we­nig ihnen den Weg gezeigt zu haben.


Jetzt, da ich selbst alt und leidend geworden bin, und so viele Nächte hindurch nicht schlafen kann, kommen mir so viele Sterbefälle in den Sinn, wo ich nicht den Eindruck hatte, dass die Seele erlöst sei, trotzdem ich sie jeden Tag dem Herrn im Gebet dargebracht habe. Denn ich habe das jeden Tag getan, wenn ich irgend möglich Zeit hatte. Es ist gut, dass man nicht in das Herz seines Nebenmenschen sehen kann, und hat somit auch kein Recht, ihn zu beurtei­len. Es kommt sehr viel auf die Art der Krankheit an, manches ist so schwach, dass es gar nichts mehr leiden kann um sich her vom Zureden und Beten. Wenn ein Mensch seine Bekeh­rung spart aufs Alter, kommt er nicht mehr so leicht dazu wie in der Jugend, wo der Geist Gottes die Seele sieht. Ich habe mehrere Jugendliche sterben se­hen, und alle, kann ich sagen, sind im Glauben gestorben. Ich erinnere mich an einen Jüng­ling, der gleich wie Stephanus den Himmel offen gesehen hat. Er hat gejubelt: „O, wie schön!“

Eine Grossnichte von mir, die mit 16 Jahren gestorben ist, hat vor ihrem Ende so herzlich gebetet, so dass man sich gewundert hat, wo sie die Worte hergenommen hat. Und dann hat sie nach der Krone verlangt, die ihr – wie sie sagte – ein Engel gezeigt hat.
So könnte ich viele Fälle von Jugendlichen nachweisen, die freudig und im Glauben gestor­ben sind.
Eine Grossmutter hat am Bett ihrer kranken Enkelin gewacht und hat, damit sie nicht ein­schlafen sollt, gesponnen, und auf einmal sei es ganz hell geworden und ein wunderschöner Engel sei an des Kindes Lager gestanden. Sie sei so erschrocken und in einem Augenblick sei alles wieder verschwunden gewesen. Die Frau hat sich dann in selbiger Nacht mit ganzem Herzen übergeben in des Heilandes Führung und es war gut, denn nach kurzer Zeit hat sie der Herr nach schwerem Leiden heimgeholt.

Ich kann sagen, meine schwerste Zeit war anno 1918. Da hat eine Lungengrippe geherrscht, welche meist nur junge Leute dahingerafft hat. In Weiler war fast kein Haus, wo nicht zwei oder drei krank waren. Bei Müllers im Hasen war alles krank bis an Karl und der Vater. Die Luise, ein 16jähriges Mädchen war so schwer krank. Es ist ein Lungenband gerissen und das hellrote Blut hat sich immer durch den Mund ergossen. Ich habe sie drei Nächte in meinen Armen gehalten. Sie hat mich immer gebeten, ihren Brustkorb fest zusammen zu drücken. Ich habe mir fast nimmer zu helfen gewusst vor Müdigkeit. Auf einmal sagte sie: „So jetzt habe ich überwunden. Jetzt habe ich Freudigkeit zum Sterben. So, jetzt gehst du nüber ins Pfarr­haus und bittest den Herrn Pfarrer, dass er so bald wie möglich kommt und mir das heilige Abendmahl reicht.“ Mit grosser Andacht hat sie das heilige Mahl genommen und dann hat sie mit lauter Stimme alle ihre Geschwister beim Namen genannt und ihnen Lebewohl gesagt. Es waren ja alle krank und es konnte keines zugegen sein. Sie ist dann stiller geworden, hat auch nichts mehr gesprochen und nach schwerem Kampf ist sie um halb neun Uhr heimgegangen.

Als ich zur Haustür hinaustrat, um nach Hause zu gehen, fassten mich schon wieder Einige ab und es hiess: „Du musst zu Heilers und Linders gehen, sie warten schon lange auf dich.“ Bei Heilers hiess es: „Du musst heute Nacht bei Linders bleiben, es ist alles krank.“ „Ach“ sagte ich, „das kann ich beim besten Willen nicht. Ich habe mich heute nacht fast nicht mehr auf­recht halten können.“ Als ich zu Linders kam und sah, wie alle drei schwer krank darniederla­gen, habe ich kein Wort mehr gesagt vom nach Hause gehen. Ich bin hinausgegangen und habe zum Himmel aufgeschaut mir den Worten: „Jetzt, lieber Heiland, hast du mir so viel Arbeit aufgetragen, jetzt gib mir auch die Kraft. Du siehst, wie ich fertig bin mit meiner Kraft. Lass Deine Kraft in mir mächtig werden.“ Ich habe darauf neue Freudigkeit und neue Kraft erhalten, und ich habe den Kranken dienen können, habe mich auch öfters ein wenig hinlegen können. Und ich habe empfunden was der Dichter sagt:

 

„Der Herr hat stets in uns getan, was er von uns verlangt.“